Anne Frank in Hiroshima

6. August 1945: Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima.

Es war 8:15 und 17 Sekunden am 6. August 1945, einem Montagmorgen. Keiner der 240000 Einwohner von Hiroshima ahnte in diesem Augenblick, dass für ihn das Leben in etwas mehr als einer Minute vorbei sein würde. Zu diesem Zeitpunkt löste die Mannschaft eines viermotorigen B29-Bombers, den der Pilot Paul Tibbets nach seiner Mutter “Enola Gay” getauft hatte, fast zehn Kilometer über der Stadt die vier Tonnen schwere Uranbombe “Little Boy” aus. 45 Sekunden später explodierte die Bombe 580 Meter über dem Stadtzentrum und produzierte einen Feuerball, in dessen Innerem die Temperatur eine Million Grad erreichte. Die Hitzewirkung der Explosion, die der Wirkung von 12500 Tonnen TNT gleichkam, setzte noch Kilometer entfernt Bäume in Brand.
Die Stadt Hiroshima war von einer Sekunde auf die andere zu einem Ort des Todes geworden. Etwa 70000-90000 Menschen waren binnen eines Wimpernschlags aus dem Leben gerissen worden. Viele der Menschen im Zentrum der Explosion waren augenblicklich verdampft, andere bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Tausende durch Strahlung und Hitze entstellte irrten dem Tode nah durch die Straßen der völlig verwüsteten Stadt, im Fluss trieben unzählige schwer verstümmelte Leichen. Wer überlebt hat, dem haben sich diese Bilder unwiederbringlich ins Gedächtnis eingebrannt, ähnlich den Schattenrissen von Menschen, die der extrem helle Blitz der Detonation verursacht hatte und die man später an den wenigen noch stehengebliebenen Mauern fand. Von der Stadt, deren Wohnhäuser zu einem großen Teil aus Holz bestanden, blieb nur ein Bruchteil übrig: Nur gut zehn Prozent der über 70000 Häuser waren überhaupt noch als Gebäude erkennbar, im Stadtzentrum gab es größtenteils nicht einmal mehr Trümmer der ursprünglichen Bebauung. Das Todeswerk der Explosion setzte die Radioaktivität fort, die die Bombe freigesetzt hatte. Bis zum Jahresende verlangten die Verstrahlung des Geländes und der Menschen sowie der Radioaktive Fallout tausende weitere Opfer. Damit hatte die erste in einem Krieg eingesetzte Atomwaffe der Welt bis zu 98 Prozent der Einwohner einer Stadt und einen Großteil ihrer Infrastruktur zerstört.
Der Abwurf von “Little Boy” war ein Werk der Vernichtung. Die Massenhafte Tötung zehntausender Menschen war die grausige Umsetzung der Zielvorgabe, eine “größtmögliche psychologische Wirkung”  zu erzielen, um die Japaner zur Kapitulation zu bewegen. Die Bestürzung über die Hölle, die die Amerikaner über Hiroshima und wenig später über Nagasaki entfesselt hatten, führte zu einer jahrzehntelangen Debatte über Atomwaffen und die Gefahr ihres Einsatzes. Der Begriff vom “Nuclearen Holocaust” wurde geprägt. Die Befürworter der Angriffe  verteidigten den Bombenabwurf mit den Argumenten, man habe einer viel größeren Zahl amerikanischer und japanischer Soldaten, wie auch hunderttausenden von Zivilisten das Leben gerettet. Das plausibilisiert die Entscheidung zum Angriff zwar, aber am Ende ist diese Argumentation kaum mehr als eine Legitimation. Auf der anderen Seite könnte man angesichts des Abwurfs von Atombomben auf zwei Japanische Städte und den Tod hunderttausender Zivilisten sicher von einem Kriegsverbrechen sprechen. Der Genozidvorwurf, wie er z.B. von Israel Charny geäußert worden ist, greift aber sicher nicht.
Nach dem Ende des Krieges begann der Wiederaufbau und in der Stadt schienen bald – bis auf ein einziges Gebäude (das der Handelskammer, über dessen Kuppel die Bombe explodierte) – alle Wunden verheilt. Doch für die Opfer gab es keine Restitution: Neben den Auswirkungen von Strahlung und Hitze auf ihre Gesundheit (die Spätfolgen sind bis heute nicht abschließend erforscht) litten sie unter den psychischen Folgen, besonders der Erinnerung an die schrecklichen Bilder von verbrannten Leichen und Sterbenden, aber auch unter Ausgrenzung und Stigmatisierung durch ihre Mitmenschen.

Angesichts der unfassbaren Vernichtung und des großen Verlusts an Leben ist es recht und billig, dass jedes Jahr am 6. August um 08:15 Uhr die Zeit in Hiroshima wieder für einen Augenblick still steht, dass eine Friedensbotschaft, eine Mahnung an die Welt ausgesandt, dass der Toten gedacht und ihnen die gebührende Ehrung zuteil wird.

Welche Substanz aber hat diese Friedensbotschaft angesichts einer universalisierten, geschichtspolitisch bestimmten Erinnerungskultur innerhalb Japans? Einen guten Eindruck hierüber bietet die von Alain Lewkowicz und Arte entwickelte Dokumentation über “Anne Frank im Land der Mangas“: in Japan kennt jedes Kind das Tagebuch der Anne Frank. In den zahlreichen Interviews wird schnell klar, dass das von den Nazis ermordeten Mädchen nicht etwa eine Symbolfigur für das fremde Opfer ist, Opfer, wie auch Japanische Soldaten sie massenweise verursacht und zurückgelassen haben. Anne Frank ist vielmehr eine Identifikationsfigur für die Japaner selbst, denn sie sehen sich angesichts von Hiroshima und Nagasaki ausschließlich als Opfer. Dass dem atomaren Angriff auf Nagasaki und Hiroshima ein brutaler Angriffskrieg seitens der Japaner vorausgegangen war und dass viele tausend als “Trostfrauen” bekannt gewordene, meist koreanischen junge Frauen zur Prostitution in Soldatenbordellen gezwungen worden sind, dass die “Einheit 731” in China grauenvolle Experimente an Gefangenen ausführte und Seuchen verbreitete, um ihren Verlauf zu studieren, dass zahlreiche Massaker verübt worden sind, das bekannteste und größte wohl in Nanking, und dass die Verehrung der dafür verantwortlichen Kriegsverbrecher im Yasukuni-Schrein und die Wertung ihrer Verurteilung als Siegerjustiz bis heute Staatsdoktrin ist, zeigt, wie stark das Andenken an “Hiroshima und Nagasaki” und die vielen Opfer universalisiert und dadurch entsubstantialisiert worden ist. Die Toten stehen nicht als Mahnmal gegen den Angriffskrieg und brutale, menschenverachtende Besatzungspolitik. Ihre Entkontextualisierung lässt die Bombenangriffe auf Japan zu einem mit der Qualität eines Tsunamis über das Land hereinbrechenden Naturereignis mutieren. Dadurch bieten sie Anknüpfungspunkte für eine Erinnerungspolitik, die alle Verbrechen der Japaner ausblenden und die Opfer im Sinne eines nationalen Narrativs heroisieren hilft.
Man kann diskutieren, ob es bessere Wege gegeben hätte, Japan zu besiegen, als das Bombardement mit zwei Atombomben. Wie lang man bei einer Weigerung des Tennp noch weitergemacht hätte, hätten weitere Bomben zur Verfügung gestanden, und welches Interesse die USA an einem Abwurf unabhängig von der rein militärischen Situation gehabt haben, steht dabei auf einem anderen Blatt. Es bleibt die Frage, ob man den hunderttausendfachen – in vielen Fällen äußerst qualvollen – Tod von unschuldigen Menschen gegen ein anderes, wahrscheinlich ähnlich schreckliches Leid (wie z.B. das Aushungern durch Abschottung oder eine Invasion) aufrechnen kann. An dieser Stelle vermischen sich oft Argumente über militärische und moralische Notwendigkeiten.
Das gleiche gilt auch für die geschichtspolitische Bewertung der Bombardierungen selbst: es geht auch hier nicht darum, Grausamkeiten, die von Japanischem Boden ausgingen, aufzurechnen und darüber zu entscheiden, ob die Bombenangriffe eine gerechte Strafe gewesen sind – diese Sicht auf die Geschichte wäre fatal: die Frage nach Verantwortung und Schuld wäre, für beide Seiten, abgeschlossen. Es sollte jedoch, gerade weil die Tat, sowohl für die Opfer der Verbrechen der Japaner, als auch die der Bombardierung von Nagasaki und Hiroshima, nicht mit ihrem Vollzug aufhört, sondern lebenslang weiterwirkt, um eine gegenteilige Wirkung gehen: die Erinnerung wach zu halten, der Opfer und der Taten zu gedenken. Angesichts dieser Tatsache muss vor allem um eine differenzierte Betrachtung angestrebt werden – die eigenen Leiden sollten die Japaner also besonders dazu verpflichten und inspirieren, sich ebenso mit ihren Verbrechen auseinanderzusetzen und sie einzugestehen. Erst dann, wenn man aufhört, Hiroshima zu entsubstantialisieren, wenn man auch in Japan die Verantwortung für die Verbrechen übernimmt und sich von den Tätern distanziert, wird “Hiroshima” seine volle Kraft als Mahnmal gegen Krieg und Vernichtung entfalten.

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