Melancholie und Monade in Sebalds “Austerlitz”

Das Denken Walter Benjamins zu entschlüsseln und der Spur seiner Theoreme durch das Werk zu folgen, ist eine extrem komplexe, aber auch faszinierende und inspirierende Arbeit. Dass W.G. Sebald dies getan und in seinem Roman Austerlitz eine produktive, literarische Umsetzung dieses Denkens zu Papier gebracht hat, zeigt sich bereits nach einer fragmentarischen Auseinandersetzung mit der Handlung, Struktur und Sprache dieses Buches. Austerlitz, den die “unterdrückte Vergangenheit”, die verschütteten Erinnerung an seine jüdische Identität und seine Rettung in letzter Minute aus Prag im Jahre 1939 sowie Unterbringung bei walisischen Pflegeeltern, im Laufe seines Lebens  als diffuser und unbewusster Schmerz umtreibt und schließlich zum Vorschein kommt, kämpft schließlich mit den Folgen, die die Erinnerung an ein verlorenes, unmöglich gemachtes Leben ihm aufbürdet. Ich habe Benjamins Texte und Sebalds Roman bereits einer eingehenderen als der oben erwähnten fragmentarischen Untersuchung unterzogen und einige Aspekte herausgepickt, um einen Zugang zu der Verbindung zwischen beidem zu finden. Dabei bleibt das hier Geschriebene dennoch ein Fragment, denn ein Gesamtbild ist wohl nur unter der größten Anstrengung zu erlangen – zu sehr sind die Handlung und Sprache des Romans mit dem Spannungsfeld verwoben, in dem wiederum die Begriffe aus Benjamins Geschichtsphilosophie, die bis in seine literaturtheoretischen Schriften hineinreicht, zueinander stehen, so sehr, dass ein Zugang über den einen, wie die Melancholie, schon immer gleich alle anderen Begriffe, wie Monade, Angelus Novus, Vergessenheit, entstelltes Leben, und viele hier ungenannte, mit einschließen muss. Die Melancholie ist sicher für Benjamin wie für Sebald ein zentrales Konzept, eine Art der Sicht auf die Welt, die ihr Schaffen stark geprägt hat und auch in den hier zurate gezogenen Schriften eine wichtige Rolle spielt.

Melancholie in Benjamins Trauerspielbuch

Das Konzept der Melancholie ist bereits Jahrhunderte alt und – durch einen Wandel der ihr zugewiesenen Eigenschaften – ambivalent; Benjamin kann dementsprechend auf eine große Quellenbasis zurückgreifen und referiert, der Melancholie werden einerseits die schädlichen Eigenschaften einer tödlichen Schwermut (in Form der Acedia) zugesprochen, andererseits auch die positiven einer tieferen Erkenntnisfähigkeit. Sowohl in der Säfte-, als auch in der Planetenlehre ist die Melancholie einerseits teuflische Einflüsterung, die von der Wahrnehmung der Wirklichkeit abschottet (diese ausschließlich negative Eigenschaft wird ihr besonders während des Mittelalters zugeschrieben), als auch dem “grübelnden Genius” zugeordnet; bereits Aristoteles bindet “Genialität an den Wahnsinn” . Sie, so laut Benjamin Aristoteles, gelange zu der “Anschauung, dass Melancholie das seherische Vermögen begünstige”. Die Zuordnung des Schwermütigen zum fernen Planeten enthebt diesen – trotz seiner eigentlichen Bedrohlichkeit – der Alltäglichkeit und gibt ihm jenen “Tiefsinn des Betrübten”, den der Saturn “als der Urheber jeder tiefen Kontemplation die Seele von Äußerlichkeiten ins Innere ruft, sie immer höher steigen lässt und schließlich mit dem höchsten Wissen und prophetischen Gaben beschenkt.” So erscheint die Ambivalenz von “Trägheit und Stumpfsinn” und “Intelligenz und Kontemplation” als ein Maelstrom, in dem der Melancholiker zerrieben zu werden droht – doch zugleich gibt ihm die Reibung eine schöpferische, produktive Kraft, die über die der “gewöhnlichen Charaktere und Schicksale” weit hinausweist. Diese antike Ausdeutung, die in der Renaissance wieder an Bedeutung gewinnt, eröffnet das dialektische Spannungsfeld innerhalb des Melancholiebegriffs (B, 328).

Die Umdeutung des “griechischen Zeitgottes” (Kronos/Chronos, eine eigentlich unrichtige Verbindung zweier unterschiedlicher mythologischer Figuren) mit dem “römischen Saatendämon” zum “Schnitter Tod mit der Sense” (328) findet in Kombination mit der aus der Säftelehre stammenden Definition des Melancholikers als kalt und trocken, den Bezug auf die Erde: “Denn alle Weisheit des Melancholikers ist der Tiefe hörig; sie ist gewonnen aus der Versenkung ins Leben der kreatürlichen Dinge und von dem Laut der Offenbarung dringt nichts zu ihr. Alles Saturnische weist in die Erdtiefe, darin bewährt sich die Natur des alten Saaten-gottes. […] Der Blick nach unten kennzeichnet dort den Saturnmenschen, der den Grund mit den Augen durchbohrt.” (B, 330)

Der melancholische Blick nach unten korrespondiert mit dem des Engels der Geschichte, der, wie Schmucker herausarbeitet (Schmucker 2011, S. 214), auf ein Sediment der Zerstörung blickt (“…eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert[…] während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst”) – in Austerlitz manifestiert sich diese Erdverbundenheit z.B. im Blick in die Grube der Folterkammer in der Festung Breendonk (die zusätzlich selbst unter der Erde liegt, AU, 36-37) in die jahrhundertealten Gräber an der Liverpool Street Station (188) und später aus einem der Türme der neuen pariser Nationalbibliothek auf die Stadt (AU, 401-403).

Monade und Erkenntnis

Kurz vor der Rückkehr der verloren geglaubten Erinnerung an die Kindheit verfällt Austerlitz schließlich der zerstörerischen Ausformung der Melancholie, der “Acedia”, der “Trägheit des Herzens” (B, 332), deren Eigenschaft es ist, mehr noch, als bei jeder anderen Form der Melancholie, auf pathologische Weise “apathisch, unentschlossen, langsam” zu machen. Jener Ruf von “Äußerlichkeiten ins Innere der Seele” scheint nun eine Schwerkraft entwickelt zu haben, die Austerlitz von allem isoliert, auch von der eigenen Person. Die Melancholie beherrscht ihn zwar auch nach der Überwindung der Krise weiter, nimmt aber in diesem Moment jenes pathologische, lebensbedrohende Ausmaß an; wie Benjamin zitiert: “Dergleichen Leut sterben bald/ wann ihnen nicht geholfen wirdt” (B, 333); Austerlitz beschreibt: “[…] das Herz in der Brust mir zusammengepresst wurde auf ein Viertel seiner natürlichen Größe und nur der eine Gedanke noch in meinem Kopf war, ich müsse mich vom Treppenabsatz im dritten Stockwerk eines bestimmten Hauses in der Great Portland Street, in dem ich vor Jahren nach einem Arztbesuch einmal eine sonderbare Anwandlung gehabt hatte, über das Stiegengeländer hinunterstürzen in die dunkle Tiefe des Schachts.” (AU, 181) Die Acedia scheint als Krise zwar auch hier ein bedrohliches Ausmaß anzunehmen, jedoch schafft es Austerlitz, indem er dem geisterhaften Turbanträger in der Liverpool Street in die Baustelle des ehemaligen Ladies Waiting Room folgt, und so jenem Anspruch der vergessenen Vergangenheit (geschichtsphilosophische Thesen II und III) folgt, sich aus der Trägheit zu befreien. Er hat dadurch für seine eigene Biographie buchstäblich überwunden, was Benjamin in der achten These dem Historismus vorwirft: “Sein Ursprung ist die Trägheit des Herzens, die acedia, die daran verzagt, des echten historischen Bildes sich zu bemächtigen, das flüchtig aufblitzt.” Austerlitz Ankunft im Ladies Waiting Room ist der Punkt, an dem dieses “Aufblitzen des echten historischen Bildes” geschieht. Benjamin schrieb in der 17. These: “Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation plötzlich einhält, da erteilt es derselben einen Chok, durch den es sich als Monade kristallisiert. […] In dieser Struktur erkennt er [der historische Materialist] das Zeichen einer messianischen Stillstellung des Geschehens, anders gesagt, einer revolutionären Chance im Kampfe für die unterdrückte Vergangenheit.” Genau dies scheint hier geschehen: Im Wartesaal breitet sich vor Austerlitz seine gesamte – schließlich auch die vergessene – Vergangenheit aus, wird gleichzeitig stillgestellt und befreit so die buchstäblich unterdrückte Vergangenheit, rückt das “entstellte Leben” zurecht: “Erinnerungen wie diese waren es, die mich ankamen in dem aufgelassenen Ladies Waiting Room des Bahnhofs von Liverpool Street, Erinnerungen, hinter denen und in denen sich viel weiter noch zurückreichende Dinge verbargen, immer das eine im andern verschachtelt, gerade so wir die labyrinthischen Gewölbe, die ich in dem staubgrauen Licht zu erkennen glaubte, sich fortsetzten in unendlicher Folge. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, als enthalte der Wartesaal, in dessen Mitte ich wie ein Geblendeter stand, alle Stunden meiner Vergangenheit, all meine von jeher unterdrückten, ausgelöschten Ängste und Wünsche, als sei das schwarzweiße Rautenmuster der Steinplatten zu meinen Füßen das Feld für das Endspiel meines Lebens, als erstrecke es sich über die gesamte Ebene der Zeit.” (196) Konstellation und Stillstellung bestehen und geschehen im vergleichbaren Schicksal des Wartesaals und der unterdrückten Vergangenheit und Identität Austerlitz’: “Und gewiss wären die von mir in kurzer Frist ganz vergessenen Wörter mit allem, was zu ihnen gehörte, verschüttet geblieben, wenn ich nicht aufgrund einer Verknüpfung verschiedener Umstände an jenem Sonntagmorgen den alten Wartesaal in der Liverpool Street Station betreten hätte, ein paar Wochen höchstens ehe er im Zuge der Umbauarbeiten für immer verschwand.” (AU, 199)

Die Kraft der messianischen Stillstellung entfaltet sich jedoch nicht nur auf der individuellen Ebene – die 17. These lautet weiter: “Er nimmt sie wahr, um eine bestimmte Epoche aus dem homogenen Verlauf der Geschichte herauszusprengen; so sprengt er ein bestimmtes Leben aus der Epoche, so ein bestimmtes Werk aus dem Lebenswerk. Der Ertrag seines Verfahrens besteht darin, dass im Werk das Lebenswerk, im Lebenswerk die Epoche und in der Epoche der gesamte Geschichtsverlauf aufbewahrt ist und aufgehoben. Die nahrhafte Frucht des historisch Begriffenen hat die Zeit als den kostbaren, aber des Geschmacks entratenden Samen in ihrem Innern.” – die Befreiung der eigenen Erinnerung geht auch einher mit der Offenbarung des geschichtlichen Kontextes, in dem sie erfahren wurde, er ist also, ganz wie Benjamin beschrieben hat, in  der individuellen Erfahrung enthalten: als Austerlitz im direkten Anschluss an sein Erlebnis im Wartesaal über die Radiosendung in Penelope Peacefullls Antiquariat von den Schiffstransporten und dem Schiff Prague hört, entsteht eine weitere monadische Konstellation: das eigene Schicksal verknüpft Austerlitz mit dem der verschickten Kinder, den Namen des in der Radiosendung genannten Schiffs schließlich mit der Stadt Prag als wichtigstem Ziel auf der Suche nach der eigenen Identität, die sich als seine ursprüngliche Heimatstadt herausstellt.

An dieser Stelle zeigt sich auf besonders deutliche Weise, dass individuelle und epochale Erinnerung und Erfahrung aufeinander verweisen. Im Schicksal des Einzelnen ist stets die Geschichte als Ganzes anwesend. Daher wird über das Erinnern an den Einzelnen, an die vergessenen Geschichten, auch die vergessene Geschichte wiederbelebt und somit befreit.

Die Erkenntnis, die am Anfang dieses Prozesses steht, wird erst ermöglicht durch die saturnische Entfremdung vom Alltag, die dem Melancholiker mitgegeben ist. Die, wie Benjamin im Trauerspielbuch schreibt, “Neigung des Melancholischen zu weiten Reisen”, Austerlitz’ ruheloses Wandern durch London, ermöglicht erst die Entstehung der entscheidenden Konstellationen, die den Schutt des Vergessens von seinen verlorengeglaubten Erinnerungen räumen hilft. So ist die Einsicht, die der monadischen Stillstellung des Denkens vorausgeht, ohne den melancholischen Blick des “Engels der Geschichte” nicht zu machen.

Es ergeben sich weitere Fragen und Anknüpfungspunkte: welches Verhältnis zum Begriff der Zeit finden sich in Austerlitz und bei Benjamin? Finden sich weitere Monaden im Roman? Welchen Stellenwert nimmt der Engel der Geschichte dort ein?

Literatur:

W.G. Sebald: Austerlitz. München/Wien 2001.

Peter Schmucker. Grenzübertretungen. Aspekte der Intertextualität im Werk von W. G. Sebald. Nürnberg 2011.

Walter Benjamin: Ursprung des Deutschen Trauerspiels. In: Ders.: GS I, S. 203-430.

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: GS I, S. 691-706.

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