Über das Verlassenwerden

I have replayed that day over and over again in my mind like the editing of a movie where i am the producer, the director, the editor, scriptwriter, actors, music, and everything.
I have a gigantic motion picture studio in my mind where i have been working constantly on this movie since February 17th 1948. I have been working  on the same movie for 31 years. I believe that this is a record. I don’t think i will ever finish it.
– Richard Brautigan, So the wind won’t blow it all away.

Dieser gigantische Film. Er kann ihn nur wieder und wieder abspielen, ihn wieder und wieder ansehen und die Stellen ausfindig machen, an denen er die Sache hätte retten können. Doch ändern kann er den Film nicht mehr. Die Handlung steht fest, egal, wie er ihn schneidet, das Ende ist doch nicht mehr zu ändern. Er kämpft nur noch um das Bild, das in der Handlung zwischen Anfang und Ende entsteht. Den Eindruck. Den kann er untersuchen, und jeder Schnitt beeinflusst ihn. Er tut das, weil es die letzte Bewegung ist, die ihm in dieser Sache überhaupt noch möglich ist. Nichts als die Wertungsfrage bleibt noch übrig. Das Schattentheater. Nichts als gnadenlose Energieverschwendung, eine Folter, als würde man ausbluten.

Einfach nur hinaus an einen Menschenleeren Ort – frühmorgens sich niedersetzen und warten, bis der Platz sich mit Menschen gefüllt hat, das wäre ein Ausweg aus dem Krampf. Wenn nur noch sie sich bewegen müssen, um einen herum sich bewegen müssen. Sich selbst nie wieder aus der vertrauten Bewegung herausreißen müssen. Der größte Stillstand liegt in der Bewegung im Bekannten.
Das Leben vom großen Film, aus der Konservendose der Erinnerung ist eine ständig innehaltende Bewegung. Die Luft wird dünner und dünner, nach und nach verblasst die Intensität der nur immer wiederholten Bilder und die Sehnsucht nach dem alten Gefühl wird nur mehr bestärkt. Der Film, die konstruierte Wirklichkeit aus Erinnerungen, ist ein Teufelskreis aus Sehnsucht und Verzweiflung.
Der richtige Weg aber führt hinaus, in den Schein einer Wärmenden Sonne. Nicht mehr nur ein Zeichen des Stillstandes sein, nicht mehr nur einen Hauch vom Dasein eines Gegenstandes entfernt, den sie benutzt und abgelegt hat.
Für sie war es einfach zu gehen. Aus Gleichgültigkeit vielleicht. Das ist womöglich eine der teuflischsten Erkenntnisse, dass einer einem anderen so viel Liebe entgegenbringt und der Andere dieser Liebe nahezu gleichgültig gegenübersteht. Das kann der Andere. Vielleicht war sie aber auch nur gelassen. Doch diese Gelassenheit hat ihn geängstigt, sie hätte ebenso gut gleichgültig sein können – wo ist die Grenze zwischen Gelassenheit und Gleichgültigkeit?
Dort entsteht das Gefälle der Macht, das Gefühl der Ungleichheit. Der Anblick solch ungleicher Paare ist altvertraut: der Blick des Beobachters ruht in ihrem, doch da der Mann an ihrer Hand zwischen ihnen beiden passiert, schiebt sich dessen Gesicht für einen Sekundenbruchteil ins Blickfeld, wie eine Sonnenfinsternis. Für einen Moment steht der Mann mit einem dunklen und feindseligen Blick zwischen ihm und der Frau, als wüsste er genau, dass er sie eigentlich nicht verdient hat, als wollte er den Gedanken durch seine Feindseligkeit abwehren. Jeden Tag muss er um dieses Wunder kämpfen, das sieht man. Die Erschöpfung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Getrieben vom Gefühl der Unzulänglichkeit bleibt ihm nur die Feindseligkeit nach außen und die Verehrung nach innen.
Stumm antwortet er dem anderen Mann: du kannst sie nicht einfach aus einem flachen Winkel betrachten, du musst sie über dich stellen. Sie muss dich verletzen, zerstören können. Du schaust zu ihr auf – jede Bewegung findet mit Blick auf sie statt. Du bewegst dich nur noch in Relation; bist Mond, Trabant. Es ist pure Gravitation, eine Naturgewalt, die dich an sie reißt. Gleichzeitig ist dir diese Ungleichheit jederzeit bewusst – du musst jeden Angreifen, der dir deinen Platz streitig machen könnte. Jeden, der ihr anscheinend auf Augenhöhe begegnen kann. Das sind diejenigen, vor denen du wirklich Angst hast, nicht die anderen Kriecher, die zu Deinem Platz zu ihren Füßen aufschauen – nur denen gegenüber hast du Macht und Sicherheit. Du bist jeden Tag jemand anders, als du selbst. Du verlierst dich jeden Tag an jemand anderen, als dich selbst. Irgendwann wirst Du entweder fort sein oder mit teuflischem Schmerz wieder zu dir zurückkehren.
Sie hingegen war irritiert, dass er sich so abkämpfte. Sie verstand seine Aggressionen gegenüber anderen nicht. Sie hat seine Stärke überschätzt – oder besser: seine Schwäche unterschätzt. Dass er schon an der Mühe verzweifelte, neben ihr zu gehen. Der Sprung über den eigenen Abgrund forderte bereits all seine Reserven. Am Ende kann man nicht mehr aufrecht stehen, ohne aufrichtig zu sein.
Die Marter, der Maelstrom des Selbstzweifels, beginnt bereits auf dem Gefälle der Ungleichheit, seinen Sog auf den Unglücklichen auszuüben. Und schon hier repräsentiert er eine Bewegung, die weniger zwischen den Parteien, als vielmehr nur im Inneren des Unterlegenen stattfindet; ein Stillstand in der Bewegung, der Repetition. Er kann die Fakten bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ändern, nur noch den aussichtslosen Kampf um die Balance kämpfen. Wenn sie dann fort ist, bleibt nichts, als der Scheindialog, der Kampf im inneren. Dabei ist egal, wieviel Film, wieviel Material er zusammenträgt, wie oft sich der Dialog wiederholt, wie oft er sie in seiner Vorstellung beschimpft, ihr Vorwürfe macht, ihr überlegen ist oder bettelt und auf Mitleid hofft, es sich sogar hypothetisch zukommen lässt, und sich ein Happy End vorstellt: eine neue Erkenntnis, eine Änderung des Ergebnisses wird er nicht erreichen. So meint man, innerlich gegen sie weiterzukämpfen, die fortgegangen ist. Und kämpft doch nur noch gegen sich selbst. Sie steht für Auseinandersetzungen nicht mehr zur Verfügung. Die Person im Kopf antwortet nicht, nimmt alles hin. Sinnlos, die Lösung bei ihr suchen zu wollen.

Wir können gewiß sein, daß wir auf dem Sterbebett als Teil der letzten Bilanz festhalten werden – und dieser Teil wird bitter schmecken wie Zyanid – daß wir viel zuviel Kraft und Zeit darauf verschwendet haben, uns zu ärgern und es dem anderen in einem hilflosen Schattentheater heimzuzahlen, von dem nur wir, die wir es ohnmächtig erlitten, überhaupt etwas wussten.
– Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

In diesem Schattentheater spielt sich unser Unglück ab. Schwarze bunte Farben. Schwarzer blauer Himmel. Die Dunkelheit des Lichts, die Totenstille inmitten aller Geräusche.
Nicht durch die Natur selbst droht Vernichtung, wie es noch Werther schreckensvoll in den Sinn fuhr; die Vernichtung liegt in uns selbst. Sie ist der Filter, jene Schwarzlinse, durch die wir auf die Wirklichkeit sehen.
Natürlich ist der Schmerz normalerweise etwas, das von außen ausgelöst wird, von jemand anderem. Aber dieser Auslöser pflanzt lediglich die Saat der Selbstvernichtung in uns, der Acker war dafür längst bereitet.
Zugleich ist diese Tendenz zur Selbstvernichtung, der Schmerz der Demütigung, auch eine Quelle der Energie. Man trägt diese schwarze Wunde in sich und liebt sie, verteidigt sie, wie den Menschen, der sie einem zugefügt hat. Eventuell stellvertretend für diesen Menschen. Sie ist etwas besonderes, die eigene dunkle Seite, in ihrer düsteren Bedeutung nicht oder nur unzureichend zu beschreiben. Und so beflügelt uns, was uns gleichzeitig in den Abgrund zu reißen droht. Alles was wir tun können, ist die Kamera draufzuhalten.

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