Fiktion und Wahrheit

“Sich die melancholische Heimsuchung vom Leibe zu halten, indem man sie sich von der Seele schreibt, heilt zwar nicht von der Schwermut, heilt aber mindestens vom Glauben an Heilung.” Schrieb Sigrid Löffler im Sebald-Band von “Text + Kritik” (S. 106-107). “Auch die Hinwendung zu den Gefährten im Gemüte”, fuhr sie fort, und hier wird es interessant, “kann ein strategisches Manöver zur Selbsterhaltung sein. Immer und überall erkennen Sebalds Ich-Erzähler die Gemütsverwandten. Oft genügt ein Blick, um zu wissen, dass das Gegenüber zu den von Haus aus Untröstlichen gerechnet werden musste. Schon der Literaturwissenschaftler Sebald pflegte innigen Austausch mit Schriftstellern, die wie er an der Hypochondrie der Seele laborierten. Das Erzähler-Ich unternimmt Sebalds Reisen, liest seine Lieblingsbücher, bewundert seine Lieblingsbilder, trifft seine Bekannten und forscht den Lebensspuren seiner verschollenen Verwandten und Freunde nach. Mehr noch: Die Ich-Figur durchleidet Sebalds mannigfache mentale Krisen, teilt seine Obsessionen, wird von depressiven Verstimmungen niedergehalten, bis hin zur Schlaflosigkeit, zum Verstummen, zu Panikattacken und Halluzinationen, zu kataleptischen Erstarrungszuständen, ja bis hin zu sich immer mehr verdichtenden Angst um die eigene geistige Gesundheit.
Diesen überdeutlichen biografischen Fingerzeigen zum Trotz ist das Erzähler-lch mit W. G. Sebald nicht identisch. Es ist eine Kunstfigur, ein narratives Ich.”
Oft genug hat sich die Frage gestellt, wo die Grenze zwischen Autor und Erzähler verläuft, erst recht, wenn der Text vom melancholischen Blick auf die Welt handelt, der Bewältigung oder Erkenntnis aus einer Krise. Es gibt Uniseminare darüber und Seminararbeiten, Vorlesungen, Dissertations- und Forschungsprojekte. Im Kopf jedes eingefleischten Lesers rumort unerlässlich und unbestechlich die Frage, wieviel Autor sich uns im vorliegenden Text offenbart. Ist die Hoffnungslosigkeit des melancholischen, sind die Gedanken, die sich darin wie ein Schlafloser hin- und herwälzen, ein ungeschminkter Blick in das Innere des melancholischen Autors? Die Antwort lautet: natürlich – und: auf gar keinen Fall! “Das Charakteristikum des Saturnikers ist eine bewußte und unverlierbare Beziehung zu seinem eigenen Ich,” schreibt Susan Sontag über Walter Benjamin, “das aber nie als selbstverständlich angenommen werden kann. Das Ich ist ein Text – er muß entziffert werden. (Von daher eignet sich der Saturniker zum Intellektuellen.) Das Ich ist ein Entwurf, etwas, das geplant werden will. (Dies macht die Eignung zum Künstler und Märtyrer, die um die Reinheit und Schönheit des Scheiterns werben, wie Benjamin von Kafka sagt.) Und der Aufbau des Ich geht immer zu langsam voran. Man ist sich gegenüber immer im Rückstand.” (Sontag: Im Zeichen des Saturn, S. 132) Ein derartig melancholisch veranlagter wird, ganz im Sinne des Sammlers in Benjamins Ich packe meine Bibliothek aus, hinausgehen und jene “Gefährten im Gemüt suchen” – und doch in diesen Gefährten immer nur sich selbst. Alle geistige Anstrengung wird investiert in die Suche, dem Finden nach diesem Selbst, und dem Zweifeln am Ergebnis. So unverlierbar die Beziehung zum Selbst ist, so wenig selbstverständlich bleibt sie. Sogar der eigenen Person ist nicht zu trauen. Martin Walser schreibt in seiner Dissertation über Kafka: “Der Gegenton gibt den Ausschlag. In seinen letzten zwei Briefen – ob es wirklich die letzten sind, ist allerdings nicht ganz sicher – entfaltet seine Selbstbezichtigungsvirtuosität in der tödlichen Situation eine schauerliche Laune; allerdings ohne jede Ernsteinbuße. Man könnte Autoren auch danach einteilen, ob sie lieber andere oder lieber sich selbst bezichtigen. Einfach wegen der Folgen für das Artistische. Die, die lieber Gott und die Welt bezichtigen als sich selbst, schreiben immer in eine Richtung. Es sind Einbahnstraßenautoren. Ihre Ausdrucksart gerät, weil sie keinen Widerstand kennt, leicht ins Dröhnen. Die, die lieber sich selber bezichtigen, sind zum Hin und Her gezwungen. Eine Selbstbezichtigung produziert immer auch ihr Gegenteil. Ohne dass das den Bezichtigungsernst mindert. So wird die Bewegung gebrochen beziehungsweise dialektisch.” (Walser: Beschreibung einer Form, S. 128)
Man kommt sich in diesem Hin und Her manchmal selbst gebrochen, schwankend vor. Was man ja auch ist. Und doch produziert diese Bewegung immer wieder neue Erkenntnis. Dass eben nicht nur die anderen Schuld sind. Dass man selbst nicht nur allein schuld ist. Vor allem aber ersteres. Diese Form bedeutet, nicht nur in den Villenvierteln des Lebens, sondern auch in seinen Slums unterwegs zu sein. Oder dem, was man dafür hält. Villen und Slums sind eine Frage der Relationen.
Die Bewegung ist aber die tatsächliche Errungenschaft des Schwankens. Bewegung, die förmlich aus der Verschiebung des Blickfelds resultiert. Sie erzeugt eine Form der Intuition, die erst für den Zusammenhalt unseres Kontinuums von Zeit und Bewusstsein sorgt. So ist der Schwankende auf sich selbst zurückgeworfen und angewiesen, weil er zuerst sich selbst finden muss. Doch er findet sich nur im Suchen, der Bewegung, niemals im Stillstand, dem Gefundenhaben.
Wenn aber schon in einem selbst ein Abgrund klafft, den man kaum überbrücken kann, ist man von den Anderen unendlich getrennt. So bleibt das Verlängern der eigenen Fluchtlinien in die Richtung der Fragestellung wohl die einzige Art, schreiben zu können, über sich selbst nämlich, nur anders, die eigene Perspektive dramatisiert. Was zu lesen bleibt, ist immer nur zu einem Teil eine Selbstoffenbarung. Es sind nicht die Fragen, die eine Selbstaussage bedeuten, sondern die Antworten. Antworten, die nichts befestigen, aber alles im Schwanken halten.
Kafka hatte diese Art, das Handeln auf ewig im Gedanken gefangenzuhalten. Die Mühle mahlt so lange, bis jeder Ausweg ein so schmaler Pfad geworden ist, dass er unmöglich beschritten werden kann. Jede Möglichkeit bröselt dahin. Dieser gnadenlosen Selbstdemontage, dem Verhindern jeglicher Milde gegen die eigene Person, kann kaum etwas entfliehen. Doch erst wenn all diese Wege beschritten sind, so scheint es, wenn endgültige Hoffnungslosigkeit von allen Seiten herandrängt, weil alles zerschrieben ist, alles zerdacht, erst dann hat es wirklich existiert. Nur in bedrängender Form. Die Welt wird bis aufs kleinste zerschlagen und nach dem Selbst durchsucht.
Dieser lange Weg ist eine einzige Kurve, niemals gibt es freie Sicht auf das Ziel, meist bleibt es sogar ganz im Dunkeln. Die wenigsten überstehen es, sich ein so unerbittlich klares Bild davon zu machen, dass es kaum Klarheiten gibt, wie Kafka. All das geht in ihm um, raubt ihm den Schlaf; den Verstand aber höchstens in einem geringen Maß. Es führt ihn ins Mäandern, diese Handlungslosigkeit  – niemand kann an Handlung glauben, wenn er ständig um den Boden kämpfen muss, auf dem sie stattfinden könnte. Die Menschen sind so fremd, dass ständig ein großer Teil der Energie für die Kommunikation mit ihnen aufgewandt werden muss – ständig die Brücke über den Abgrund aufrechterhalten, das macht einem diesen Abgrund zwischen sich und den anderen umso deutlicher. Und um bei sich selbst zu sein, ganz in der einsamen Bedrängnis, muss diese Brücke umso mühsamer wieder abgerissen werden.
Das Intime am Schreiben ist in Wahrheit die Rückwirkung der verlängerten Perspektive zurück auf den Fluchtpunkt, die eigene Person: das was zwischen Text und Autor, Text und Leser passiert. In Wahrheit sind die Gräben zwischen den Menschen so tief, dass wir selbst mit einem Text aus den Tiefen eines Anderen allein bleiben, denn die eigentlich Interaktion geschieht nicht mit dem Autor, sondern mit dem Text; das einzige Bild, das sich vermittelt, ist das Echo der eigenen Persönlichkeit, das auf den Leser zurückgeworfen wird.

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