Zwei Dienstage im September

“Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken sondern ebenso ihre Stillstellung. Wo das Denken in einer von Spannung gesättigten Konstellation plötzlich einhält, da erteilt es derselben einen Chock, durch den es sich als Monade kristallisiert.” – Walter Benjamin

Das Datum, das in der vergangenen Woche an uns vorbeigezogen ist, markiert eine monadische Konstellation, wie sie Benjamin in seinen Geschichtsphilosophischen Thesen beschreibt; der 11. September ist das Datum zweier Traumata, Kristallisationspunkt jahrelang geplanten und ausgeführten Terrors, Symbolereignis des Kalküls einer kleinen Gruppe von Menschen, die tausend- oder gar millionenfaches Leid auslösten, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Mehrheitlich wird heute an diesem Tag der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon gedacht. Dieses monströse Verbrechen, dass an einem Dienstag vor 12 Jahren zum Sturz der höchsten Gebäude der Stadt New York geführt hat, ist mit Sicherheit beispiellos, des tausendfachen Todes von rund 3000 unschuldigen Menschen zu gedenken selbstverständlich angebracht.

Unverständlich erscheint dagegen die Nicht-Beachtung, die der anderen Katastrophe, die auf dieses Datum fällt (in der universalisierenden Bezeichnung für den 11.9.2001: “der 11 September” zeigt sich bereits die Diskurshoheit des amerikanischen Traumas): der Militärputsch gegen den sozialistischen, demokratisch gewählten Präsidenten Chiles, Salvador Allende am 11. September 1973. Auch dieser Tag, der den Beginn der 17-jährigen Pinochet-Diktatur markierte, war ein Dienstag.

Genau in diesem historischen Zufall ist die Konstellation zwischen den beiden Ereignissen hergestellt, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Doch die zufällige Datumsgleichheit führt zu jenem Benjaminschen Einhalten, das zwei geschichtliche Entwicklungen in einem Moment zusammenfasst: “Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten.” Ein Blick auf den historischen Kontext, in den die beiden Dienstage jeweils eingebunden sind, enthüllt schnell die zahlreichen Zusammenhänge, die in einer ideologisch begründeten und von Eigeninteressen geleiteten amerikanischen Außenpolitik liegen: bereits seit seiner Wahl im Jahre 1970 hatten die USA durch politische und wirtschaftliche Mittel versucht, die Wirtschaft Chiles und damit die Regierung Präsident Allendes in eine Krise zu stürzen und einen politischen Wechsel herbeizuführen. Den Putsch der Ultrarechten Militärs um Augusto Pinochet hatte die CIA zwar nicht initiiert, aber nach Kräften unterstützt und durch eine Sanktionspolitik, die das Land endgültig in eine Wirtschaftskrise und eine 600-prozentige Inflation stürzte, den Boden dafür bereitet. Die Gründe für diese Unterstützung liegen auf der Hand, denn neben den ideologischen Motiven gab es auch knallharte wirtschaftliche Beweggründe: Allende enteignete amerikanische Konzerne, die in Chile über einen immensen Landbesitz verfügten und das Land in Abhängigkeit von den USA zwangen undverteilte das Land an ansässige Bauern und Kollektive. Pinochet hingegen betrieb nach dem Staatsstreich eine ultraliberale Politik, privatisierte einen Großteil der Staatsunternehmen und kürzte die Sozialausgaben radikal. Die Opposition unterdrückte er brutal – Regimegegner wurden verhaftet, gefoltert und ermordet – viele tausend Menschen verschwanden in den 17 Jahren der Militärdiktatur in Chile – mit Unterstützung der USA.

Das Ausmaß der US-Mitverantwortung wird erst klar, wenn man das politische Gesamtbild des südamerikanischen Teilkontinents zur damaligen Zeit betrachtet: Neben Chile waren bis Mitte der 70erjahre Paraguay (1954), Brasilien (1964), Bolivien (1971), Uruguay (1973) und Argentinien (1976) in der Gewalt rechter Militärjuntas, die alle nach dem gleichen Muster gegen Oppositionelle vorgingen. In den 70erjahren starteten diese diktatorisch regierten Staaten schließlich eine koordinierte Zusammenarbeit, die die Menschenjagd, die Folter und das Verschwinden hunderttausender Menschen in einem zentralen Hauptquartier koordinierte – das Know-How und die Technik für dieses erst in den Neunzigern unter dem Namen “Operation Condor” bekannt gewordene, nahezu südamerikaweiten Geheimunternehmen stellten die USA, aber auch Frankreich, wie nach und nach auftauchende Akten belegen. Geprägt durch die Ideologie des Kalten Krieges schien damals jedes Mittel recht, um sozialistische oder kommunistische Revolutionen auf dem amerikanischen Kontinent zu verhindern. Dabei wurde auch in Kauf genommen, dass hunderttausende Menschen entführt, gefoltert und ermordet wurden.

Gegen den Dienstag im September 1973 steht die andere, weitaus präsentere Katastrophe, die New York und die ganze Welt im Jahre 2001 erschütterte. Sie steht der Operation Condor in Sachen Brutalität und Monstrosität in nichts nach. Gleichzeitig scheint sie im konstellativen Blick auf die beiden monadischen historischen Momente der verfehlten US-Interessen- und Einmischungspolitik den mahnenden Spiegel vorzuhalten. Doch dieser Schockmoment hatte keine aufrüttelnde Wirkung auf die USA; dass es bislang kein Umdenken gegeben hat, wird im jüngst aufgeflogenen Spionageskandal noch bestätigt. Niemand, weder die USA mit ihrer Interessenpolitik, noch viele europäische Staaten, die im Interesse von “Arbeitsplätzen, weil es sonst ja jemand anderer täte”, Waffen an fragwürdige Regimes und in Krisengebiete verkaufen, scheinen zu verstehen, was Benjamin bereits 1940 auf den Punkt brachte: “Dass es “so weiter geht”, ist die Katastrophe.”

 

Literatur zum Thema:

Klaus Eichner: Operation Condor. Eine Internationale des Terrors. Berlin 2009.

Stella Calloni: Operación Condor. Lateinamerika im Griff der Todesschwadronen. Frankfurt/Main 2010.

John Dinges: The Condor Years: How Pinochet and his Allies brought Terrorism to Three Continents. 2005.

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