Von “Mein Kampf” zum Weinkrampf

Nachdem man im letzten Jahr nach der Beauftragung des IfZ mit der Erstellung einer kommentierten Ausgabe von Hitlers Mein Kampf  fast einen Moment lang hatte glauben können, dass die Bayerische Landesregierung in dieser Frage zur Vernunft gekommen sein könnte (anscheinend hatte jemand kurz ein Fenster geöffnet), ist man sich in der Staatskanzlei in München wohl auf den alten Kurs zurückgeschwenkt: seit man dort gestern angekündigt hat, die Veröffentlichung der kommentierten Ausgabe verhindern zu wollen, geht ein bedrohliches Rauschen durch den Blätterwald der Öffentlichkeit, stehen vielen gestandenen Historikern in Deutschland die Tränen der Wut in den Augen. Allerlei Sachliches über die abstruse Generalverurteilung jeder Veröffentlichung des Buches als volksverhetzerische Tat, die auf der Stelle zur Anzeige gebracht würde, haben bereits Hellojed (“Sein Kampf”) und Michael Schmalenstroer (“Bayern stoppt historisch-kritische Ausgabe von Mein Kampf”) geschrieben.

Die rein wissenschaftlich-sachlichen Gründe mal außer Acht gelassen erscheint mir aber besonders empörend, welches Selbstverständnis der CSU/Bayerischen Landesregierung sich hier offenbart: bislang konnte eine verlagsmäßige Veröffentlichung des Textes (denn, wie so oft schon angemerkt wurde: es dauert länger, einen Computer einzuschalten, als sich mit diesem anschließend mein Kampf im Internet zu besorgen) über das (ebenfalls, wie Schmalenstroer erläutert, zweifelhaften, aber allgemein akzeptierten) Urheberrecht verhindert werden. Da diese Möglichkeit ab 2016 wegfällt, will man nun über die Drohung mit Anzeige den eigenen Anspruch auch über diesen Zeitpunkt hinaus weiter fortsetzen.

Dieser Anspruch, das wird in der jetzigen Situation m.E. sehr deutlich, ist kein rein urheberrechtlicher mehr; es geht um Deutungshoheit. Niemand außer der Bayerischen Landesregierung, so meint man in München ganz offensichtlich, darf entscheiden, wie mit dem Buch umzugehen ist – eine abstruse Vorstellung. Was will man damit erreichen? Inwiefern ist eine wissenschaftlich edierte und kommentierte Ausgabe jedweder moralisch noch so verwerflicher Schrift eine Straftat? Glaubt man in Bayern tatsächlich, dass was in der Welt ist, durch bloßes Beschweigen wieder aus ihr verschwindet (das Schweigen in Zusammenhang mit dem NS hat ja in Deutschland eine lange Tradition)? Will man gar verhindern, dass sichtbar wird, welchen großen Anklang rechtes Gedankengut in Deutschland noch immer hat, sowohl in plumper, als auch in getarnter Form, wie es sich in den 90er-Jahren anhand des “Mein-Kampf”-Programms des Kabarettisten Serdar Somuncu gezeigt hat (dieses Programm sei im übrigen als Zugang zum Buch wärmstens Empfohlen!)?

Die Entscheidung über die wissenschaftliche Bearbeitung und Publikation dieses Buches sollte, so finde ich, nicht bei der Bayerischen Landesregierung liegen. Ihr steht m.E. schon aufgrund ihrer Eigenschaft als Regierung eines einzelnen Bundeslandes eine Entscheidung im Namen der Deutschen – und nichts anderes stellt der Anspruch auf Deutungshoheit dar – schlicht und einfach nicht zu.

Es ist, wie Hellojed am Ende seines Beitrages schreibt: ” “Mein Kampf” ist in der Welt, es wird in der Welt bleiben, und Horst Seehofer ist ganz persönlich dafür verantwortlich, dass es als ideologischer Sprengsatz nicht historisch-wissenschaftlich entschärft wird. Rechtsradikale aller Welt dürften sich gerade kaum einen besseren Freund wünschen können.”

Ich hoffe auf politischen Gegenwind.

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