Gerd Krumeich: Die “Judenzählung” im Ersten Weltkrieg und die Wurzeln des radikalen Antisemitismus der Nachkriegszeit

Im Rahmen der Ringvorlesung “1914/15. Weltkrieg, Massenmord, Völkermord – “Gewaltdynamiken” im Blick der Forschung” war letzte Woche Gerd Krumeich Gast des ausrichtenden Bochumer Instituts für Diaspora- und Genozidforschung. Sein Thema, “Die “Judenzählung” im Ersten Weltkrieg und die Wurzeln des radikalen Antisemitismus der Nachkriegszeit”, spannte einen Bogen zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Vernichtungspolitik des Dritten Reiches; nicht jedoch in Form einer neuen Sonderwegs- oder Katastrophenthese, sondern als Hinweis auf eine klare Kontinuität, die m.E. sehr deutlich darauf hinweist, dass in Bezug auf die ideologischen Voraussetzungen für das Dritte Reich nicht nur die Weimarer Republik, sondern bereits der Erste Weltkrieg entscheidend ist – es wird eine politische Stimmung deutlich, die es nach dem Krieg sehr einfach machte, der breiten Bevölkerung Anschlusspunkte an eine radikal antisemitische Ideologie anzubieten.

Burgfriede und “Frustrationsantisemitismus”

Die mit dem im Jahr 1916 schwindenden Kriegsglück einhergehende Welle von (wie Krumeich es nennt:) “Frustrations-Antisemitismus” kulminierte in der “Judenzählung” Anfang November 1916.

Der im August 1914 durch den Kaiser beschworene Burgfrieden zerbrach hier infolge der Misserfolge auf dem Schlachtfeld und der aufgrund von Seeblockade und Misswirtschaft katastrophalen Versorgungslage endgültig – er war zu Beginn des Krieges ein Einheit stiftendes Ereignis, denn nicht nur zwischen politischen Gruppen und den Religionen, auch zwischen den Konfessionen bestanden im durch das protestantische Preußen geprägten Deutschen Reich bis zum Kriegsausbruch tiefe Gräben. Mit dem Ausruf Wilhelms II., er kenne fortan “nur Deutsche”, eröffnete sich für viele ausgegrenzte Gruppen – besonders für die Juden – zum ersten Mal die Möglichkeit einer vollständigen Integration.

Ein Aufweichen des integrativen Gemeinschaftsgefühls ist allerdings, so Krumeich bereits ab 1915 zu spüren, denn als sich die Ernährungskrise im Reich abzuzeichnen begann, verfingen die Forderungen radikal antisemitische Verbände wie des Reichshammerbundes, die öffentlich den Juden Drückeberger- und Kriegsgewinnlertum vorwarfen und entsprechende “Ermittlungen” forderten; dass diese antisemitische Stimmung auch das allgemeine Meinungsbild zu beherrschen begann, zeigt eine parlamentarische Anfrage Matthias Erzbergers vom Oktober 1916, in der er fragte, warum es einen hohen Judenanteil in den Kriegsgesellschaften (http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155311/kriegswirtschaft-und-kriegsgesellschaft) gebe; er forderte eine statistische Erhebung, die entsprechende Ungleichmäßigkeiten aufdecken sollte. Das zeige, betonte Krumeich, nicht unbedingt den Antisemitismus der Zentrumspartei, aber deute darauf hin, dass es öffentlichen Druck gab, der die Politik diese Frage thematisieren ließ.

Judenzählung

Vor diesem Hintergrund ordnete das preußische Kriegsministerium im November 1916 eine “Judenzählung” an, die der Behauptung nachgehen solle,  Juden seien im Übermaß vom Heeresdienst befreit, drückten sich gänzlich oder würden unverhältnismäßig oft in der Etappe eingesetzt. Bezeichnenderweise erging Mitte November eine Verfügung des Kriegsministeriums, die eine Diskriminierung von Juden innerhalb des Heeres verbot. Trotz dieses Verbotes wurden jüdische Soldaten ab 1916 vermehrt zu besonders schmutzigen Arbeiten abgestellt. Obwohl das Ministerium betont hatte, dass die Judenzählung nicht aufgrund des Verhaltens der jüdischen Soldaten durchgeführt worden war,  kam es Forderungen von jüdischen Verbänden, die Leistungen der jüdischen Soldaten öffentlich anzuerkennen, nicht nach. Insgesamt, betonte Krumeich, sei allerdings nicht davon auszugehen, dass es mit der Judenzählung eine antisemitische Absicht seitens der Regierung oder des Kriegsministeriums gegeben habe, vielmehr habe man versucht, auf die oben skizzierten antijüdischen Stimmungen zu reagieren. Diese Reaktion bewirkte allerdings, besonders weil man die Ergebnisse der Zählung geheimgehalten hatte, einen fatalen Effekt: sie nahm den allgemeinen Zorn und die antijüdische Hetze nicht nur auf, sondern bestärkte und festigte sie.

Weiterwirken in der Zwischenkriegszeit

Die große Bedeutung der Judenzählung und des Frustrationsantisemitismus der zweiten Kriegshälfte, führte Krumeich aus, zeige sich allerdings erst, wenn man die antisemitische Radikalisierung während der Weimarer Republik in den Blick nehme:  wenngleich es zahlreiche Versionen der Dolchstoßlegende gegeben habe (Krumeich gab 20-30 verschiedene Versionen an), passten sich der radikale Antisemitismus und die diskursive Bedeutung der Judenzählung in die antisemitische Ausprägung des Dolchstoßkomplexes ein – sie boten dem antisemitischen Deutungsmuster Anknüpfungspunkte. Hitler z.B. sah bereits im Burgfrieden von 1914 den Ausgangspunkt für den ‘Dolchstoß in den Rücken des im Feld ungeschlagenen Heeres’, der den Juden Sabotage, Bereicherung, die Revolution und schließlich den Frieden von Versailles als Ergebnis der “Machenschaften” des “Internationalen Judentums” ermöglichte.

Krumeich zufolge ist es besonders die Spannung zwischen der Kontinuität der antisemitischen Ausdeutung und dem Bruch der Kriegsniederlage, die den radikalen Antisemitismus in der Zwischenkriegszeit so anschlussfähig gemacht habe: die “Rache am Verrat durch die Juden” hätte besonders die junge Generation der “Victory Watchers” gefordert, jene Generation, die selbst noch nicht am Krieg teilgenommen habe und der der Sieg bis zum Ende versprochen worden sei. Durch das traumatische Erlebnis des tiefen Falls im Jahre 1919 sei ihnen jedes Verständnis der Welt zerstört worden, es habe neuer Sinnkonstruktionen bedurft und besonders dieser Aspekt habe sie für extreme Weltanschauungen aufnahmefähig gemacht – hierzu passt die Tatsache, dass der NS eine junge Bewegung gewesen ist.

Als Beleg für die Radikalisierung nannte Krumeich den sprunghaft ansteigenden Absatz der “Protokolle der Weisen von Zion”, jener Fälschung aus dem 19. Jahrhundert, die in rechtsextremen Kreisen als Beweis für die “jüdische Weltverschwörung” angeführt wurde: bereits ab 1920 erfreute sich der Text plötzlich größter Beliebtheit, der Absatz stieg bis in die Vierzigerjahre stark an. Im Vorwort der 1933 Auflage kündigte der Herausgeber “endgültige Rache” an, und selbst in der Ausgabe von 1941 bezog sich das Vorwort auf den “Verrat” von 1918/19 und brachte ihn mit den “Weltbeherrschungsplänen” “der Juden” in Verbindung. Aber auch ein so prominentes und im schlimmsten Sinne programmatisches Dokument wie Himmlers berüchtigte Posener Rede vom 4. Oktober zeigt die Bedeutung, die die Judenzählung als Diskursives Ereignis im Zusammenhang mit der antisemitischen Stimmung der zweiten Kriegshälfte hatte:

 “Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte, denn wir wissen, wie schwer wir uns täten, wenn wir heute noch in jeder Stadt – bei den Bombenangriffen, bei den Lasten und bei den Entbehrungen des Krieges – noch die Juden als Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hätten. Wir würden wahrscheinlich jetzt in das Stadium des Jahres 1916/17 gekommen sein, wenn die Juden noch im deutschen Volkskörper säßen. […] Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen.”

Die Platzierung dieses Verweises auf den Ersten Weltkrieg inmitten der Passage seiner Rede, die die Vernichtung der Juden thematisiert und legitimiert, zeigt, welchen Stellenwert “1916/17” mit der Judenzählung als Schlüsselereignis einer antisemitischen Radikalisierung hatte.

Radikalisierung und Generationsbruch

Krumeich hat m.E. sehr überzeugend aufgezeigt, dass die Judenzählung ein zentrales Ereignis, sozusagen der Kulminationspunkt einer zunächst durchaus öffentlich getragenen, aber durch das Krisenerlebnis von Misserfolgen und schlechter Versorgung angeschobene Entwicklung war; zwar hat die politische Führung ganz sicher nicht aus antisemitischen Motiven gehandelt, sondern vielmehr auf eine breite Stimmung in der Bevölkerung reagiert, doch wurde die Judenzählung – besonders, weil die erhobenen Zahlen nie veröffentlicht wurden und damit weiteren Verschwörungstheorien Vorschub leisteten – zu einem Schlüsselereignis in der antisemitischen Stimmung der zweiten Kriegshälfte. Es schuf Anknüpfungspunkte für ein antisemitisches Narrativ, über das die Konstruktion einer einigermaßen kohärenten Entwicklung möglich wurde, die im Burgfrieden den Einstieg für eine jüdische Zersetzungstätigkeit im Sinne ihrer Weltbeherrschungspläne sah, welche über die Sabotage im Krieg bis hin zur erfolgreichen Revolution und das “System” der Weimarer Republik führten.

Dieser Diskurs traf auf eine junge Generation, die sich durch die Kriegsniederlage mit einer Welt konfrontiert sah, die der während der Kriegszeit verheißenen vollkommen entgegenstand, und die sie nicht mehr verstand. Dieser Bruch, den diese Generation wahrnahm, machte sie für extreme Weltanschauungen extrem empfänglich: sie boten eine Erklärung für die Niederlage, die die eigene Identität unangetastet ließ. Sie boten die Möglichkeit, die eigene kollektive Identität aufrecht zu erhalten, die Faktoren zu entlarven, die diese Identität vermeintlich bedrohten, und zeigten Maßnahmen auf, die diese Bedrohung beseitigen sollten.

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