Zeigen “wie es gewesen”?

“Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es “so weiter” geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene. Strindbergs Gedanke: die Hölle ist nichts, was uns bevorstünde – sondern dieses Leben hier. Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe.”
– Walter Benjamin, Zentralpark.
“Alles übrige war wie ein Spuk weggeblasen. Und sehr bald sprachen die Leute auch davon: “Ach, das liegt doch lange zurück”, auch wenn es erst ein paar Wochen zurücklag. Wer denkt noch an sowas?” – sagt Zeitzeuge Stefan Georg Troller am Ende der ARD-Dokumentation “Frühjahr 45”.
Die Dokumentation zeigt die Abläufe der letzten Kriegsmonate aus der zeitgeschichtlichen Sicht und reichert sie mit den Aussagen und Perspektiven heute größtenteils prominenter Zeitzeugen an; dabei kommen nicht nur deutsche, sondern auch französische, polnische und ungarische Widerständler, Zwangsarbeiter und Verfolgte zu Wort – spätestens mit dem Exilanten Troller, der als amerikanischer Soldat in die Heimat zurückkehrte, macht sich das Bemühen um eine ausgewogene und kritische Sichtweise bemerkbar.
Dennoch bleiben für mich einige Punkte, die mich irritiert haben, weswegen ich sie hier ausführen und zur Diskussion stellen möchte – diesen Blogpost verstehe ich ausdrücklich nicht als eine endgültige, sozusagen druckreife Bewertung, sondern um den Versuch, einige kritische Gedanken in Worte zu fassen.
Das Bemühen um jene kritische Sichtweise ist also deutlich spürbarer, als bei vergangenen Dokumentationen dieses Stils, dennoch scheint es mir, als würden auch hier wohlbekannte Stereotype beschworen: wo im Westen die Amerikaner als Befreier vorrücken und sich allenfalls fragen wo all die Nazis geblieben sind, treten die Russen vor allem als Unterdrücker und Vergewaltiger auf – ein Thema, das sicher seine Relevanz hat und im Gegensatz zu älteren Dokumentationen deutlich differenzierter dargestellt wird, aber im starken Kontrast zur Darstellung der Westalliierten zumindest zu denken gibt. Viel entscheidender ist nach meinem Erachten allerdings die generelle Ausrichtung der Dokumentation: zwar spricht Troller mit den eingangs zitierten Worten zur Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung das große Problem der Verdrängung von Vertreibung und Vernichtung an, doch deutet die darauf folgende Endsequenz, in der die erfolgreichen Werdegänge aller Zeitzeugen erwähnt werden, auf die wahre Ausrichtung der Sendung: es geht um eine Perspektive für die Zukunft, eine “Verarbeitung” des Kriegsendes für die Nachlebenden, nicht um die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis (und übrigens auch nicht mit den Vergewaltigungen durch die Befreier) und ihren Auswirkungen.
Es kommen keinerlei Täter zu Wort, keine Angehörigen von Tätern; der Tat fehlt jedes Gesicht, die Vernichtung ist nur strukturell anwesend: in Form der Konzentrationslager; die Bilder der Opfer dienen für kaum mehr, als den Hintergrund, vor dem sich die Geschichte des Kriegsendes abspielt. Trollers Worte, die bezuglos im Raum stehen zu bleiben scheinen, weisen auf das zentrale Problem hin, das diese Dokumentation nach meinem Anspruch hat – die Zeitzeugen waren 1945 allenfalls junge Erwachsene, wenn nicht gar Teenager, die überwiegend geringe Kenntnis über die Verbrechen und die verbrecherische Ideologie des NS hatten – für sie zogen die Ereignisse nur so vorbei, ohne dass sie einem Gesamtbild zuzuordnen gewesen wären. Auch, wenn problematische Fragen erwähnt werden, so bleibt dieses Gesamtbild rein deskriptiv. Die Frage, das Problem, dass die Deutschen sich größtenteils nicht um die Millionen Opfer geschert haben und meinten, mit dem Bombenkrieg und der Eroberung durch die Alliierten für alles gebüßt zu haben, ereilt hier das gleiche Schicksal, wie der Komplex, den sie anspricht: sie wird gestellt, zur Sprache gebracht, doch sie verfliegt wirkungslos, einem Spuk gleich; gleiches gilt für die Frage nach den Vergewaltigungen, auch sie wird nur angeschnitten, nicht kritisch beleuchtet. Im Vordergrund steht das Weiterleben, das Ende des Krieges, bei dem, wie im Film selbst gesagt wird, “die Opfer in der Masse untergehen” und das bereits der Titel anzeigt: 1945 wird nicht als der Endpunkt einer Katastrophe gesehen, sondern als das Frühjahr, das beginnende Wiederaufleben.
Sicher ist diese Ausrichtung aus psychologischer Sicht verständlich, wenigstens, wenn man den damaligen Zeitgeist wiedergeben will – als nachträgliche Charakterisierung des Kriegsendes finde ich sie wenigstens undifferenziert, besonders wenn man bedenkt, dass besagte Trauer um die Opfer nie stattgefunden hat – nach meinem Eindruck werden sie vielerorten noch immer als “die Anderen” gesehen, eine Masse, die als Schuldkomplex – und als Mythos von der Kollektivschuldthese bereits seit der letzten Kriegsphase – gegen das Eigene droht (Selbstviktimisierung) – eine Frage, die m.E. auch in einer Dokumentation über das Ende des Krieges Erwähnung finden sollte. Doch hier, weil nur deskriptiv und oberflächlich der Hergang der letzten Kriegswochen und die Erlebnisse einzelner Überlebender im Kriegsalltag wiedergegeben werden, reproduziert sie schlicht die Einstellung der damaligen Menschen: die Verdrängung.
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